Hilfe, ich hab Räuma!

Seit Jahren versuche ich, dem Mysterium auf die Schliche zu kommen, welches meinen Alltag auf intrigante Weise im Würgegriff hat. Seit Jahren führe ich in meinem häuslichen Umfeld täglich unzählige eigenwillige Bewegungen aus, die dazu dienen, kläglich Hingeworfenes und unachtsam Liegengelassenes aus dem Blickfeld zu katapultieren. Offenbar frei von Erfolg, da sich die Ansammlungen an Pullovern, Hemden, Spielwaren, Malblöcken, Kuscheltieren, Trinkflaschen, Socken, Barbieköpfen, Haargummis, Hosen, Stiften und sonstigem vermeintlichen Unrat hinter meinem Rücken schier endlos vermehren. Während ich einen Pullover feinsäuberlich zusammenlege und an den ursprünglich gedachten Aufenthaltsort zurückbringe, entstehen am anderen Ende der Wohnung im selben Moment drei neue Pulloverbaustellen. Man stelle sich vor, dass es auf diese Weise mit jedem einzelnen Produkt, Ding, Kleidungsstück, Material, Objekt in unserer Wohnung geschieht, welches nicht mindestens mit einem Nagel an der Wand befestigt oder mit einer Schraube und einem Dübel fest verankert wurde. Selbst bei Letztgenannten ist nicht zu garantieren, dass sie nicht eines Tages ungebetener Weise an einem gänzlich anderen Ort auftauchen, als dort, wofür sie anfänglich vorgesehen waren. Frei nach Byron Katie frage ich mich zur Zeit des Öfteren „Was wäre ich ohne all diese Produkte?“. Die Gleiche frage stellte ich mir unlängst in Bezug auf die eintausendachthundertdreiundfünfzig unaufgeräumten E-Mails, die sich in meinem Posteingang angesammelt haben, seit ich Mutter bin. WAS oder WER wäre ich, wenn ich all diese E-Mails einfach löschen würde, ohne mir Gedanken darüber zu machen, ob ich sie zu Zwecken, die mir heute noch gar nicht bekannt sind, in homogenen Gruppen konservieren sollte. WAS oder WER wäre ich, wenn ich all diese Produkte, Dinge, Objekte einfach eliminieren würde? Wäre ich dann weniger wert als heute? Wäre ich unglücklich? Würde mir etwas fehlen? Oder wäre ich sogar reicher, weil ich mehr Freiheit, mehr Raum, mehr Weite erleben könnte?
Doch statt Leere sehe ich Fülle. Hier ein Radiergummi in Delphinform, dort ein abgerissener Tesafilm. Da ein einzelner Schuh, dort ein Stirnband. Mitten auf dem Boden. Es ist ja in unserer Wohnung nicht wie im Wald, wo die herumliegenden Teile auch noch einen Zweck erfüllen – nämlich den Boden zu nähren und Tieren Futter oder Schutz zu gewähren. Im Wald sieht das sogar noch gut aus. Ton in Ton, alles in einem einheitlichen Stil, harmonisch kunstvoll innenarchitektonisch aufeinander abgestimmt. Bei uns ist das ein heilloses Durcheinander in pinkfarben, türkis, mit Glitzer drauf, ohne Glitzer, blau, gelb, lila. Aber nicht etwa wie eine duftende Blumenwiese im freudigen Frühling. Eher wie das Innenleben eines heillos überfüllten Containers auf dem Wertstoffhof kurz vor der Leerung.
Gestern hat mich erneut der Besen gepackt. Wie eine Schneefräse fahre ich mit meinem Gefährt durch die Wohnung und schiebe alles vor mir her, bis ich im Kinderzimmer gelandet bin. Spuren bilden sich dort, wo ich bereits gefahren bin, wie mit der Schneeschaufel im Tiefschnee. Im Kinderzimmer lade ich den Berg mit einer erleichternden Ausatmung ab, schließe die Tür und freue mich über die befreiende Ordnung in dem verbleibenden Teil der Wohnung. An das Kinderzimmer hänge ich dann das Schild mit der Aufschrift: „Vorsicht, Lawinengefahr! Betreten auf eigene Verantwortung.“ In der Zwischenzeit sauge ich den Teppich, wische ich die Böden, putze die Waschbecken, reinige die Toiletten, spüle das Geschirr, hänge die Wäsche auf, poliere den Herd. Wie herrlich aufgeräumt diese Wohnung doch sein kann. Solange das Baby schläft und „die Großen“ in der Schule sind. Vorsichtshalber erlaube ich mir noch ein paar Schnappschüsse von diesem Glanz, in dem unser Heim erstrahlt.
Es klingelt. Die Kinder. 10 Minuten später liegen Schuhe vor der Wohnungstür, Jacken auf dem Flurboden, Schultaschen in der Küche, Brotzeitboxen auf der Couch, Schals, Handschuhe, Mützen in der Badewanne, eine Hose auf dem Küchentisch, Papiere auf dem Teppich. Das Babyfon ertönt. Eine halbe Stunde später ist der Küchentisch verschmiert, Klamotten stapeln sich, schmutziges Geschirr steht herum, der Ofen ist verspritzt, Spielsachen und Nicht-Spielsachen schwirren in der Wohnung herum wie lästige Mücken an einem misslungenen Grillabend. Ein Kind öffnet die Kinderzimmertür. Die Lawine setzt sich in Bewegung. Wir ergreifen die Flucht ins Wohnzimmer, schließen die Tür hinter uns und hoffen, dass der Papa nicht so schnell von der Arbeit nach Hause kommt. Es klingelt. Ein Kind lauscht am Haustelefon. „Hallo, hier ist der Papa!“. Unser Kind sagt: „Du kannst jetzt nicht raufkommen. Hier schaut’s aus wie Sau.“ Als mein Mann im Wohnzimmer steht, findet er mich kopfüber in einem der Berge. „Was ist denn mit Dir los?“ Mit verdrehten Augen antworte ich: „Ich glaub ich hab Räuma!“
Franzi