Herzensblog

Mut zur Wut

April 24, 2020

Gestern Abend hatte ich einen saftigen Streit mit meiner Tochter. Wie genau er zusammengekommen war, ist hier nicht relevant und wäre auch viel zu kompliziert zu erklären. Sie war sauer auf mich – wie eine Falsche Essig. Sie hatte einen Wunsch, der nicht erfüllbar war. Also lies sie all ihren Ärger, ihren Unmut, ihre Wut an mir aus.

“Du bist die blödeste Mama der Welt! Ich zieh jetzt aus, weil ich Dich nie wieder sehen will. Und ausserdem hasse ich Dich! Tschüss, ich pack jetzt meinen Koffer!”

Zitat: meine Tochter

Nach der Ansprache brach meine andere Tochter in Tränen aus, besorgt um ihre Schwester, die nun ausziehen und nie mehr nach Hause zurück kehren würde. “Ich liebe doch meine Schwester. Sie soll nicht ausziehen!”, schluchzte sie. Während die eine sich für ihren Auszug bereit machte, atmete ich tief durch und tröstete das andere, weinende Geschöpf. Was soll man denn da jetzt machen? Noch vor 5 Minuten waren wir ein freudiger Familienhaufen, der sich zur abendlichen Lesestunde auf die Couch begeben wollte. Jetzt stand ich da mit einem Schlammassel an der Backe. Mir war selbst zum Heulen und zum Schreien zumute. Aber, wie ich bereits gelernt habe: Schreien bringt nichts. Ausserdem will ich es nicht. Die andere Variante: selbst weinen. Hm. Mit einem weinenden Kind im Arm? Auch nicht das Gelbe vom Ei. Also entschied ich mich dazu, weiterzuatmen. Mein Blick fiel auf die Mülltüte. Nachdem sich bei der einen die Tränen wieder beruhigt hatten und die andere mit Reisevorbereitungen beschäftigt war, sagte ich “Kinder, ich muss jetzt erstmal den Müll runterbringen. Ich bin gleich wieder bei Euch.” Mit Mülltüte und einem Sack voll innerer Wut ging ich zur Mülltonne. Die Mülltüte konnte ich leicht entsorgen, meinen Wutsack hatte ich noch auf dem Rücken. Ein Blick in den Himmel und die Erkenntnis, was für ein klitzekleiner Stecknadelkopf ich in diesem Universum bin, holte mich auf den Boden der Tatsachen. Also gut, meine Tochter, die so sauer auf mich war, war einfach müde. Sie hatte am Tag einen langen Ausflug bei Hitze gemacht und war wohl einfach fertig mit der Welt. Sie war nicht mehr in der Lage, ihre Gefühle zu fassen. ich selbst war auch erschöpft, auch nicht mehr wirklich für längere Familienratssitzungen geeignet. Die andere Tochter, ebenfalls erschöpft, war besorgt. Auf dem Weg zurück in die Wohnung bat ich das Universum, doch bitte die Himmels-Mülltonne zu öffnen und meinen Müllsack voller Wut aufzunehmen. Oben angekommen sagte ich zu den Kindern: “Ich liebe Euch, beide. Dieser Streit hat jetzt nichts mit unserer Liebe zu tun. Das Band der Liebe ist immer da, auch in schwierigen Momenten. Ich weiß, dass das jetzt eine ganz doofe Situation ist. Wir sind alle müde und es ist viel zu viel.” Die eine Tochter erwiderte meine Gefühle: “Ich liebe Dich auch und den Papa und meine Schwestern.” Die andere gab von sich: “Ich spüre jetzt keine Liebe. Und will jetzt auch keine Liebe von Dir haben.” Ich nahm nochmal all meine Kraft zusammen, atmete tief durch und schlug vor: “Lasst uns morgen, wenn wir alle ausgeschlafen sind, drüber reden. Heute sind wir gereizt und es bringt jetzt nichts. Lasst uns doch schlafen gehen.” Der halb gepackte Koffer und zwei böse Augen blickten mich vernichtend an. Widerwillig ging das empörte Wesen in Richtung Bett. Sie legte sich hin, ohne Decke. Das schien mir zu kalt: “Kannst Du Dich bitte zudecken, damit Du in der Nacht nicht frierst?” Sie patzte zurück: “Nein! ich will jetzt sowieso erfrieren!” Mit den Worten: “Ich liebe Dich, egal, was jetzt ist.”, verabschiedete ich mich von ihr und verließ das Zimmer. Nachdem sie eingeschlafen war, deckte ich sie zu.

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