Wie Opa das sieht

“Opi, Opi!”

April 23, 2020

April 2020

„Opi, Opi!“

Was habe ich auf einer Webseite für Eltern verloren? Die letzten Windeln habe ich vor mehr als 30 Jahren gewechselt (wenn ich mich richtig erinnere, war’s vielleicht doch meine Frau).
Franzi hat mich eingeladen, dieses „Experiment zu machen“, weil ich Großvater bin.Eigentlich mag ich das Wort überhaupt nicht. Es stimmt schon im wörtlichen Sinn nicht: Groß werden die Kinder; die Großeltern werden in diesem Alter schon allmählich kleiner. Und wenn man die Wörter Großvater, Großmutter und Enkel nicht personenbezogen hört, woran denkt man dann? Richtig: an Heidi, an Rotkäppchen, an Peter und der Wolf. Ich will aber nicht der eigenbrötlerische Alm-Öhi sein und meine Frau auch nicht die Großmutter mit dem entsetzlich großen Maul.
Aber es gibt noch mehr Gründe. Zumeist löst sich in dieser Funktion als Verwandter der zweiten Linie meine Individualität auf; mich gibt es dann nur als Mehrzahl, also entweder in der zweimal zwei oder in der vierfachen Ausgabe, weswegen dann – um Verwechslungen zu vermeiden – Zusätze wie Hansi-Opi oder Bamham-Opapa notwendig werden. Funktionalität siegt über Formschönheit.
Schließlich taugt der Begriff Großeltern auch überhaupt nicht für den Kindermund, der zwar schon Eis oder Auto aber nicht Großvater aussprechen kann. Die Verniedlichung mit Opi und Omi, Yayo, Granny, Vovó ertragen wir nur auf Grund der Hormonausschüttung durch die genetische Nähe. Und irgendwie gewöhnt man sich dann daran wie an den Geruch von Babybrei und vollen Windeln. Irgendwann löst dann der Ruf „Opi, Opi!“ Gefühle von Wohlwollen, Harmonie, Zuneigung und Herzenswärme aus.

Dann haben sie gewonnen, die Kleinen.
Und wir auch.

Autor: Jo Tradt, Opa

1 Comment

  • Reply Michael Wanger April 26, 2020 at 10:04 pm

    Ein schöner Beitrag 😉 Vielen Dank für den ehrlichen Einblick. Vg

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